Politik in Lage

Wildnis auf dem Westcarree-Gelände
Zuschrift vom 26. 2. 2009Artikel kommentieren


Sandra P., Geschäftsinhaberin in Lage, nimmt in einer Mail ausführlich und kritisch zum Thema Westcarree Stellung. Ebenso zum Angebot in Lage, zu Leerständen, Verhalten von Vermietern und der Art der Stadtplanung in Lage
      

Mail zum Thema West-Carré

Sehr geehrte Damen & Herren,

ich habe am Samstag die „West-Carré“-Info bekommen. Mich beschäftigt das Thema auch schon seit längerem & ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Ich stehe da mehr in einem Zwiespalt zu. Natürlich muss hier in Lage etwas passieren, doch ich verstehe auch nicht, warum so viele Chancen ungenutzt bleiben. Vielleicht ist auch das „West-Carré“ eine Chance. Ich habe in den letzen Jahren immer mehr die Uniformierung der Städte beobachtet. Egal ob ich in Lemgo, Detmold, Hameln aber auch in Bielefeld einkaufen war, selbst in Hannover; überall ist das gleiche Angebot, die gleichen Geschäfte. Klar macht die dann Kunde „Sandra“ keine Gedanken mehr, wo sie einkaufen soll; ist ja eh überall das gleiche. Viel schlimmer noch; durch die fehlende Individualität gerade bei mir in Sachen Oberbekleidung, weiche ich (sicher ein großer Teil meiner Generation) immer wieder & auch öfter auf das Internet aus. TAKKO, KIK & Co. sind keinerlei Alternative für mich. Preislich vertretbare & fair gehandelte Waren bekommt man nicht mehr in ansässigen Geschäften. Leider. Ich würde an Ihrer Stelle nicht gegen den Bau klagen, sondern mir die gleiche Förderung der Innenstadt, mit allem drum & dran, erstreiten. Sollen diese Geschäfte doch raus aus der Innenstadt. Meiner Meinung nach verdienen solche Unternehmen keinen Platz in unserer Mitte, schon wenn man die die Mitarbeiterführung & Einkaufpraktiken mal näher anschaut. Gut, dann ist da wieder ein Leerstand. Dazu aber gleich mehr. Warum lag das Gelände, wo nun groß gebaut werden soll, denn so lange brach? Warum wurde der Platz nicht genutzt; z.B. als Grünfläche, damit Anwohner mit ihren Hunden nicht in die Innenstadt gehen, um ihr „Geschäft“ zu verrichten; oder ein Platz für die Jugend errichtet? Wir haben hier doch nun nicht erst seit gestern die Probleme mit den „Tags“ an den Fassaden. Einen großen Betonklotz dahingestellt & dazu aufgerufen, wer das kreativste Graffiti darauf anbringt. Muss Kunst immer von Akademien kommen? Für die Umwelt wären beide Varianten harmloser gewesen, als was da jetzt auf uns zurollt. Das ist ein Punkt, der meiner Meinung nach noch gar nicht berücksichtigt worden ist. Aber der Umweltschutz ist in Lage ja sowieso nicht groß geschrieben.

Wo wir doch einmal beim Thema Jugend waren. Warum ist denn keine Bürgerbefragung gemacht worden? Auch hier hätte ich einen Ansatz: In einer Projektarbeit an den Schulen, hätten Gruppen durch eine Befragung in simpler Aufmachung (Bürger müssen/können nur mit JA/NEIN/ENTHALTUNG antworten) eine Statistik erstellen & auswerten können. Mathematik, politisches Verständnis & Interesse Wertschätzung & Zusammenarbeit mit der Jugend, Bürgernähe, Förderung; alles Punkte mit einer einfachen Aktion. Und außerdem hätten Sie Daten, schwarz auf weiß, die man dem Rat hätte vorlegen können, denen die Damen & Herren nicht hätten ausweichen können.

Nun noch einmal zu den Leerständen. Warum wird nicht mehr mit den Vermietern auch zusammengearbeitet? Die Geschäftsräume sind zum Teil in unmöglichen Zuständen, aber trotzdem werden Mieten in alter Manier verlangt (auch für meine Geschäftsräume in der Friedrichstrasse). Warum nimmt man die Leute nicht an die Hand & sagt: hier ist Unternehmen XY mit Interesse an Lage; Vermieter, Deine Räume sind geeignet von der Größe & Lage; wir unterstützen Dich bei der Modernisierung in Energieeffizienz & Gestaltung!? Doch was soll ein Unternehmen hier in Lage? Egal von welcher Richtung man in die (Innen-)Stadt fährt oder läuft, bietet sich immer das gleiche Bild: alt, ungepflegt, dreckig = unattraktiv. Wie mir schon häufig von Bekannten & Kunden von außerhalb gesagt wurde: Lage = EGAL!!! Wo soll der potenzielle & kaufkräftige Kunde abgeholt werden? Wo ist da das Erlebnis? Was bietet Lage einem Detmolder, warum er hier einkaufen sollte? Nichts! Keine Gastronomie um den Marktplatz, die verschiedene Altersgruppen anspricht; Geschäfte, die überall zu finden sind; Partei- & Versicherungsbüros in bester Lage; interessante Geschäfte ab vom Schuss... usw.. Warum ist das Geschäft Witte/Bierbaum abgewandert in die Friedrichstrasse? Warum ist so ein uriger Laden wie die Felix-Fechenbach-Buchhandlung in der Heidenschen Strasse? Sicher aus dem gleichen Grund wie auch ich: Kostenminimierung vor allem in der Miete...? Ich bin der festen Überzeugung, wir brauchen keinen Elektrofachmarkt; Witte/Bierbaum & auch der Marktkauf decken das größte ab. Aber so ein uriger Laden, wie die Felix-Fechenbach-Buchhandlung, als CD-Börse...? Warum verschwindet die Stadtbibliothek so im Bild? Warum ist diese nicht präsenter mit Veranstaltungen wie Lesungen & Lesepatenschaften & das ebenerdig? Warum wird die Weihnachtgestaltung mit der Kunstakademie gemacht & nicht mit der Förder- & Hauptschule? Wo sind Anlaufstellen zur Information, wie ein Jobcenter/-börse oder der Verbraucherschutz? Warum haben wir Volksvertreter gewählt, die dann aber nur eigene Interessen vertreten? Wo ist da die Unterstützung? Lage wirbt mit Familienfreundlichkeit. Wenn Familie 65+ ist, dann stimmt das Motto. Der Rest scheint hier nicht erwünscht zu sein.

Das entspricht leider nicht nur meine Sicht. Diese Gedanken haben sich unter anderen durch Kundengespräche herauskristallisiert. Lage sollte nicht familienfreundlich sein, denn noch eine Planung für altengerechtes Wohnen brauchen wir sicher nicht. Die Zukunft sind nicht die Alten. Individualität & neue Wege sind gefragt. Mal über den eigenen Tellerrand hinwegsehen, die Scheuklappen abnehmen. Und das nicht nur fordern, das auch unterstützen.

Vielleicht sind hier ja mal ein paar Gedankenanstöße dabei. An der Realisierung kann es eigentlich kaum scheitern, so simple sind die Ideen.

Ich verbleibe vorerst mit freundlichen Grüßen.   Sandra Pohle


Antwort

Sehr geehrte S. P.,

Mit Interesse haben wir Ihren Brief an Frau Richter gelesen. Mit vielen Punkten können sich die Grünen einverstanden erklären, zu manchen hätten wir Anmerkungen oder andere Vorstellungen.

Wenn Sie Interesse haben, lesen Sie doch unsere folgenden Ausführungen.

Mit freundlichen Grüßen   Reimund Neumann - Bündnis90/Die Grünen Lage


Wir haben das West-Carree abgelehnt, weil es nicht an die Innenstadt angeschlossen ist. (Angeschlossen bedeutet nicht, dass es irgendeinen Fußweg dahin gibt, sondern dass es einen Weg gibt an dem Geschäfte angesiedelt sind, sodass auch Kunden, die kein festes Ziel haben, zum Weitergehen animiert werden. - Wenn da 50 m nur Wohnhäuser und keine Schaufenster sind, kehren die meisten Kunden um. Der zweite Grund war unsere Auffassung, dass Lage nicht noch mehr Billigmärkte braucht. Die gibt es schon im - etwas im hochtrabend "Fachmarktzentrum" genannten - Bereich zwischen Bahnhof und Marktkauf und an anderer Stelle.

Zu Ihrem Vorschlag nach einer Abstimmung bzw. Bürgerbefragung: In der Frage West-Carree, ist dies von der Ratmehrheit nicht gewollt. Es sind offensichtlich Verflechtungen mit den an Planung und Projektierung Beteiligten vorhanden, und Einzelinteressen wurden über das Allgemeinwohl gestellt.

Sie fragen, warum das Gelände, auf dem das Westcarree geplant ist, so lange brach lag und machen verschiedenste Vorschläge für eine Nutzung. In diesem Punkt überschätzen Sie die Möglichkeiten der Stadtverwaltung und erst recht die der Parteien gewaltig. Ihr Einfluss ist viel geringer, als manche Verlautbarungen glauben machen. Wenn ein Besitzer sich nicht um sein Gelände kümmert, sich gerade kein Investor interessiert, dann bleibt das Gelände bis zum Sankt Nimmerleinstag brach liegen. Die Stadtverwaltung kann Gespräche führen, die Parteien und Bürger können Vorschläge machen, entscheiden müssen aber die Besitzer. Natürlich kann man um so mehr Besitzer zum Mitmachen überzeugen, je zugkräftiger und überzeugender das Konzept ist, das man vorlegt und umso besser man alle Beteiligten in den Stadtentwicklungsprozess einbezieht und Vorschläge im Vorfeld in der Öffentlichkeit diskutiert. Hier kann Lage sicher noch viel verbessern.

Das Lage alt, ungepflegt, dreckig und unattraktiv sein soll, können wir so nicht nachvollziehen. Die Gestaltung der Innenstadt hat sich in den letzten Jahren verbessert. Die Zahl der Außengastronomieplätze hat sich sehr gesteigert. Außer an Gaststätten und Restaurants selbst, insbesondere in der Bergstrasse. Es wäre natürlich schön, wenn im Gebäude vom Rathaus II im Erdgeschoss ein interessanter Laden oder eine Gastronomie untergebracht wäre. Ähnliches gilt für andere Gebäude. Auch mehr fußläufige schön gestaltete Verbindungen in der Innenstadt wären wünschenswert.

Als besonders negativ für das Stadtbild hat sich unseres Erachtens die Abschaffung der Baumschutzsatzung erwiesen. Weit mehr als 100 große Bäume sind dem Kahlschlag zum Opfer gefallen. Dazu kommt, dass nicht strikt genug nach geeigneten Standorten in der Innenstadt gesucht wird, um neu anzupflanzen, ja im Gegenteil oft unter fadenscheinigen Gründen Ersatzpflanzungen nicht vorgenommen werden. Und dazu kommen jetzt noch die nicht zu vermeidenden Fällungen wegen Baumaßnahmen, Reparatur von Gehwegen u. ä. - Eine sehr negative Bilanz für das Stadtbild.

Sie fragen nach Initiativen für kaufkräftige Kunden. Es gibt nach Jahren des Dornröschenschlafs jetzt die Vorschläge der ITG. (Es waren zwei große Einkaufzentren vorgeschlagen worden, eines hinter der Marktkirche, eines am Ende der Bergstrasse.) Das endlich Interesse an Lage gezeigt wurde, hat uns gefreut, allerdings war uns die Größe sowohl von den Verkaufsflächen als auch von den Baukörpern her unheimlich. Die neue Richtung der Stadtverwaltung, lieber kleine Einheiten im bestehenden Baubestand zu modernisieren (z.B.: hinter bestehenden Fassaden zwei, drei Gebäude zusammenzufassen, um entsprechende Flächen für interessante Läden zu bekommen, ist uns sympathischer. Aber auch hier bedarf es geschickter Kontakte und Gespräche mit Hausbesitzern und Interessenten, um etwas zu verwirklichen. Und es ist nötig, die ganze Bevölkerung in die Diskussion einzubeziehen, um eine Aufbruchstimmung zu erreichen und viele zum Mitmachen zu bewegen.

Nach den jetzigen Plänen der Stadtverwaltung ist eine relativ kurze Zeit für eine Bürgerbefragung und eine Beteiligung vorgesehen.

Wir können Sie und natürlich alle Bürger nur auffordern, sich möglichst zahlreich und lautstark zu beteiligen, damit eine lebendige Diskussion über die Zukunft von Lage als Einkaufsstadt entsteht.

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